Auf der Walz

Es gibt sie immer noch,
die fahrenden Gesellen, ja sie werden von Jahr zu Jahr mehr. Drei Jahre und einen Tag sind sie mit ihrer traditionellen Kluft auf der Walz. In dieser Zeit dürfen sie sich nicht näher als 50km an ihren Heimatort heranwagen. Sie nutzen die Möglichkeit, auf der ganzen Welt Erfahrungen und fremde Handwerkskunst zu erlernen. Ihre Wege führen nicht nur durch Europa, sie bereisen auch alle anderen Erdteile, falls sie den Mut dazu aufbringen.

Wandern im Beruf

Was heißt traditionelle Wanderschaft?
Man geht in der traditionellen Kleidung, der Kluft, - die wahrscheinlich jeder schon mal gesehen hat: weißes Hemd (Staude), Weste, Hose mit Schlag. Jackett, schwarzer Hut und Wanderstock (Stenz) - nach bestimmten Regeln und Pflichten mit Wanderbuch (Fleppe) auf Reisen.

Welche Regeln gibt es?
Voraussetzungen um auf traditionelle Walz zu gehen, sind der Gesellenbrief, Schuldenfreiheit, Ungebundenheit, dh. keine Ehe, keine Kinder. Man verpflichtet sich für mindestens zwei Jahre und ein Tag die Kluft nicht abzulegen, dh. immer als Wandergeselle erkennbar zu sein, sich seinem Heimatort nicht auf 50 km Umkreis (Bannmeile) zu nähern und nicht länger als drei Monate an einem Ort zu bleiben, damit man sich immer als Fremder hält.

Was ist der Unterschied zwischen Traditionell-Wandernden und Ohne-Kluft-Reisenden?
Als zünftiger Wandergeselle hat man Rückhalt in der Gemeinschaft der anderen Wandergesellen durch z.B. regelmäßige Treffen und einen "Altgesellen", der schon länger unterwegs ist und von dem man "losgebracht", also während der ersten Tippelei einge Wochen/Monate in die Tippelei eingeführt wird. Außerdem wird man zumindest im deutschsprachigen Raum auch von der Bevölkerung viel mehr unterstützt als ohne Kluft: man findet leichter Nachtquartier bei z.B. Handwerksmeistern, Pfarrern, Bauern und kann manchmal bei Gastwirten um eine Mahlzeit vorsprechen. Die Walz ist eben eine sehr alte Tradition, die von sehr vielen Menschen bewundert wird. Man kann also auch, wenn man mal völlig pleite ist, über die Runden kommen und ist somit finanziell recht unabhängig. Allerdings hat man auch PfIichten: man darf den guten Ruf, den Wandergesellen genießen nicht mißbrauchen und soll ihn durch sein eigenes Verhalten auf der Straße erhalten. Jeden Ort an dem man ist, sollte man so verlassen, daß der nächste zünftig Reisende gerne gesehen ist.

Gibt es richtige Gesellenvereinigungen?
Ja, es gibt mehrere Vereinigungen: einmal gibt es vier traditionelle "Schächte", die alle um die hundert Jahre alt sind. Bei ihnen kann erwandert werden, wer männlich und Bauhandwerker ist [...]. Dann gibt es noch zwei jüngere Schächte: einmal Axt & Kelle, die sich gegründet haben, weil ihnen die traditionellen Schächte zu konservativ waren. Bei ihnen werden auch Frauen "erwandert" (aufgenommen), aber meines Wissens nach auch nur Bauhandwerker. Zweitens gibt es den Freien Begegnungsschacht (FBS), der jeden Handwerker aufnimmt, [...]. Außerdem gibt es "Freireisende" bei denen auch jeder Handwerker reisen kann. Der Unterschied zwischen allen Schächten und den Freireisenden besteht grob gesagt darin, daß "Schachtgesellen" einen stärkeren Zusammenhalt haben. Es gibt z.B. mehrere Treffen, zu denen alle Mitglieder Zureisepflicht haben. Man hat insgesamt mehr Rückhalt und Pflichten als bei den Freireisenden, die zwar auch organisiert sind, kein Freireisender ist jedoch dazu verpflichtet mitzumachen. Bei allen gibt es jährliche Treffen, Baustellen, u.s.w. wo man andere Gesellen sehen kann.

Hat man auf der Walz die Möglichkeit andere Gewerke kennenzulernen oder vielleicht darin zu arbeiten?
Es gibt sehr viele Möglichkeiten, es ist sogar auch Sinn & Zweck der Tippelei in andere Handwerke reinzuschnuppern.

Wie ist das Problem Sozialversicherung gelöst?
Wenn man arbeitet(im Betrieb) ist man wie jeder normale Angestellte über Lohnsteuerkarte, also beim Arbeitgeber versichert. Wenn man nicht arbeitet ist man zu einem günstigen Wandergesellentarif (ca. 200,- DM) versichert. Diesen Tarif bieten u.a. die IKK und die HZK an. Man kann mit jeder Kasse versuchen zu verhandeln. Arbeitslosen- oder Sozialhilfe nimmt man auf Walz nie in Anspruch.

Welche Erfahrungen hast Du im Ausland gemacht?
Ich war noch nie im Ausland, weiß aber, daß es natürlich sehr verschieden, aber allgemein schwieriger ist. Sich ganz ohne Geld durch Guatemala zu schlagen, ist auch in Kluft nicht ohne wenn gar unmöglich, obwohl es "unmöglich" auf Tippelei nicht gibt! Die Chancen Arbeit zu finden, hängen sehr vom Gewerk, vom Land u.s.w. ab. Man fällt natürlich in Kluft gerade im Ausland auf, das kann nützlich, spannend und nervig sein.

Siehst Du die traditionelle Wanderschaft als Möglichkeit für Leute, die sich auf eigene Faust nicht trauen loszugehen?
Durch den Zusammenhalt zwischen den Wandergesellen ist man auf der einen Seite nicht so auf sich allein gestellt, es mag für manche natürlich auch schwierig sein für zwei Jahre nicht nach Hause zu gehen, oder immer in der auffälligen Kluft rumzulaufen. Es kommt immer auf den einzelnen Menschen an.

Wie kriege ich Kontakt zu reisenden Gesellen?
Es gibt Interessententreffen von allen Schächten und Freireisenden. Am besten ist, Ihr sprecht die Wandergesellen einfach an, wenn Ihr sie seht.

Bin ich mit 24 schon zu alt für Tippelei?
Die meisten Wandergesellen sind zwischen 20 und 30 Jahren alt. Ab 30 aufwärts gibt es nur wenige, die losgehen wollen. Vereinzelt ist auch mal jemand "auf dem Trip hängengeblieben".

Warum bist Du auf Wanderschaft gegangen?
Weil es mir schon während der Lehre in meinem Betrieb zu eng wurde und ich bei möglichst vielen Meistern und durch eigenständige Arbeit mehr lernen wollte. Außerdem war es für mich ein Reiz durch Reisen mich selbst und die Welt zu sehen und kennenzulernen. Ich hatte Angst, durch zuviel Alltag zu versauern. Bisher bin ich auch mit allen Hochs und Tiefs sehr zufrieden und verdammt froh, daß ich losgegangen bin.

Quelle:

Maike Hagemann im Interview mit Alex Mertins, freireisender Zimmerer, seit einem Jahr unterwegs